Gesundheit als Ergebnis von Disziplin

 

Du kannst es kontrollieren...oder?

Foto: Lizenzfrei von Pixabay

von Conny Dollbaum-Paulsen

Wenn du es nur wirklich willst, geht alles. Wenn es nicht klappt, hast du was übersehen. Oder warst nicht konsequent genug. Oder zu verbissen? Oder hattest nicht die richtige Begleitung? Oder falsche Freunde...

Dieses Konzept scheint wie kein anderes gleichzeitig richtig und falsch zu sein. Denn natürlich macht es einen Unterschied, ob ich mich von Pizza oder Rohkost ernähre, ob ich rauche oder nicht, mich ausreichend bewege oder lieber sehr viel rumliege. Natürlich kennen wir alle Menschen, die rauchen, trinken, nie Sport treiben und sehr alt werden – was irgendwie ungerecht scheint und außerdem dem Konzept total wiederspricht.

Passend zur Kultur: Alles ist machbar!

Dieses Konzept passt besonders gut in eine Leistungsgesellschaft, in der die Überzeugung „Alles ist möglich, wenn man nur will“ ihr Unwesen treibt. Gesundheit wird als Ergebnis des korrekten persönlichen Handelns erlebt, sozusagen als Belohnung für Brav sein. Wer gesund lebt, bleibt gesund, und umgekehrt natürlich auch. Schicksalhaftes, Unerklärliches wie Krebs und Herzinfarkt zu Unzeiten, also unerwartet und zu früh, hat hier keinen Platz, im Gegenteil: Wer krank wird, ist selber schuld.

Das Konzept ist weit verbreitet, treibt uns mit hohen Erwartungen an die Machbarkeits-Kompetenz vor sich her und macht manchmal sogar krank, wie der Zeit-Artikel „Denk nicht positiv“ zeigt. Natürlich ist es wichtig, Selbstverantwortung zu übernehmen, sich gescheit zu ernähren, sich zu bewegen, dem Stress die Stirn und dass Sofa zu bieten. Und trotzdem scheint Gesundheit nur sehr bedingt in unseren Händen zu liegen, auch wenn wir es gern anders hätten. Tatsächlich ist die Erwartung, mit richtigem Verhalten unsere Gesundheit sicher beeinflussen zu können, Stress erzeugend und damit nicht gut für unsere Immunsystem.
https://www.spektrum.de/news/stress-oeffnet-erkrankungen-tuer-und-tor/1147677

Gesundheit ist nicht linear-  Krankheit auch nicht

Lebewesen sind komplex, meistens auch kompliziert und deshalb ist es absolut unmöglich, eindeutige Aussagen darüber zu machen, was beim einzelnen Menschen konkret und sicher dafür sorgen würde, dass er oder sie gesund bleibt. Wir ahnen, dass es mehr oder weniger gesunde Lebensarten gibt, wir wissen, dass es sich anders anfühlt, ausreichend zu schlafen als bis in den Morgen vor dem PC zu sitzen – womöglich rauchend.

Und doch kann ich alles Gesunde in meinem Leben etablieren und vor lauter Gesundheit miesepetrig werden – mir zum Beispiel Süßes verbieten, weil Zucker ungesund ist und dshalb schlechte Laune haben. Bezogen auf gesundes Essen gibt es für diese Übergesundheitsbetonung sogar ein eigens Krankheitsbild, die Orthorexia nervosa, eine sozusagen gesunde Essstörung.
https://de.wikipedia.org/wiki/Orthorexia_nervosa

Ein sehr gesundes Leben zu leben kann ziemlich spaßfrei sein, wenn wir es uns verordnen. Und umgehehrt gilt: Wer gern lecker isst, kocht lieber selbst und viel Gemüse, bewegt sich, weil es Freude macht und schläft gern viel, weil sich das einfach besser anfühlt. Wem dabeo aber der Humor und Leichtikeit verloren geht...ist zu bedauern und wahrscheinlich nicht gesund.

Du bist selbst schuld

Negative Gedanken, Trauma, falsche Ernährung? Wir suchen Gründe für Erkrankung und übersehen, dass es diese Eindeutigkeit nicht geben kann – auch wenn die Schulmedizin anderes versucht zu beschreiben.

Warum bekomme ich Krebs, Diabetes, Rheuma? Weil ich ungesund gelebt habe, zu viele negative Gedanken hatte, einen schlechten Start in schwierigen Verhältnissen, zu viel Milch als Kind oder zu wenig, immer wieder Zahnprobleme, Amalgam, Borrelien, zu viel Softeis, zu wenig Gemüse…oder oder oder

Wir wissen es nicht, weil Leben ein Wunderwerk ist, das eigenen, uns wenig bekannten, Gesetzen folgt. Undefinierbar, unordentlich bis chaotisch, unverständlich allemal. Wir versuchen, Regeln zu finden, klare Zuordnungen zu erforschen, damit wir endlich alles tun können, um 100 zu werden. Und dann klappt‘s doch nicht, obwohl wir alles dafür getan haben. Odetr?

Auch ganzheitliche Konzepte können irren

Alternativ behandelt? Gesund gelebt? Trotzdem krank? Sogar chronisch krank? Trotz ganzheitlichem Denken, regelmäßigem Meditieren, trotz positivem Denken, Weizenverzicht und regelmäßiger spiritueller Reinigung? Ja, auch das ist ganz normal – und es wäre vielleicht auch für uns "Ganzheitliche" gut zu akzeptieren, dass wir Menschen sind - und deshalb nicht nur sterben, sondern auch krank werden. Alle. Mal mehr mal weniger. Punkt. Und dass wir dann unsere eigenen Wege gehen müssen – zu was diese führen, ist so ungewiss wie das Wetter – ebenso lebendig wie ungewiss.

Gibt es Faktoren, die helfen, gesund(er) zu sein? Ja, die gibt es, recht gut erforscht in der Salutogenese-Forschung. Ein Aspekt dort ist das Gefühl der Machbarkeit: Wer das Gefühl hat, die eigene Art und Weise gefunden zu haben, mit einer Erkrankung umgehen zu können, ist in jedem Fall auf einem guten Weg.

Und dabei zu helfen, diese eigene Art und Weise zu finden, ohne sich zu stressen, sollte Aufgabe aller Begleiter*innen und Therapeut*innen, seien sie ärztlich oder naturheilkundlich, sein.

 

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